Buchtitel: Freischwimmer

2007 ist er einer der Hauptredner der Jugendevangelisation „Jesus House“, eine Veranstaltung, die europaweit per Satellit an 750 Veranstaltungsorte übertragen wird. Torsten Hebel stellt nach Jahren der aktiven Mitarbeit in christlichen Werken plötzlich die Existenz Gottes in Frage.

Kann es einen Gott geben, wenn der zulässt, das Kinder in ihrer eigenen Familie geschlagen, misshandelt oder einfach nur ignoriert werden? Gibt es Gott, wenn ich trotz unglaublicher Erlebnisse daran zweifle, ob das nicht alles Zufall ist? Darf man als Christ solche Zweifel überhaupt haben?

In Berlin baut Torsten Hebel die Aktion Blu:boks mit auf, ein Treffpunkt für Kinder und Jugendliche. Dort finden Kinder aus kaputten Familien einen Halt, können sich in Aktivität und Kreativität üben und bekommen teilweise zum ersten Mal im Leben echte Anerkennung. Der Autor hat der Einrichtung den Untertitel „Die Selbstwert-Manufaktur“ gegeben, ein Begriff, der die Ziele treffend zusammenfasst.

Torsten Hebel ist aber kein Mensch, der aufgibt, daher macht er sich auf die Suche nach einer Antwort auf seine Frage nach der Existenz Gottes. Gemeinsam mit dem dem Journalisten Daniel Schneider und der Fotografin Lea Wörner besucht er Menschen, die ihn kennen und ihn auf einem Teil seines Lebenswegs begleitet haben. Er stellt den Interviewpartnern die Fragen und Zweifel vor, mit denen er sich plagt. Sie sollen spontan und ohne Vorbereitung antworten.

Es entwickeln sich spannende Gespräche, in denen klar wird, dass viele Menschen, die schon lange im christlichen Glauben leben, irgendwann in ihrem Leben von Zweifeln überwältigt werden. Ebenso wird klar, dass Kirchen und Denominationen eine wichtige Rolle bei der Entfremdung der Menschen von Gott spielen. Die meisten Religionsgemeinschaft erhebt den Anspruch, den einzig richtigen Weg zu kennen und die Weisheit gepachtet zu haben. Jeder Gesprächspartner hat individuelle Erfahrungen und gibt daher unterschiedliche Tipps an Torsten Hebel weiter. Alles zusammen ergibt für ihn ein Gesamtbild, seinen Pfad zur Antwort.

Im Moment befinde ich mich selbst in einer Phase des Umbruchs, reflektiere meine Vergangenheit und stelle manche (vorwiegend moralische) Regeln der christlichen Gemeinschaften infrage. Dabei hat mir das Buch deutlich geholfen, auf meinem eigenen Weg voranzukommen. Auch wenn meine Voraussetzungen abweichen, finde ich doch wertvolle Hinweise, die ich auf meine Situation anpassen kann.

Wer eine pauschale, fromme, allumfassende Hilfe gegen die Zweifel erwartet, findet in diesem Buch keine Antwort. Wer eine bedingungslose Religionskritik erwartet, ist ebenso fehl am Platz. Torsten Hebel besticht durch eine aufrichtige und schmerzhaft offene Beschreibung seiner Emotionen. Er spricht aus, was viele Christen vor ihm gedacht und gefühlt haben, aber wofür man sich eher schämt und keine positiven Rückmeldungen erwartet. Danke dafür.

Fazit: Torsten Hebel erstellt eine schonungslose Analyse seines Glaubenslebens und beschreibt, warum er nicht mehr an die Existenz Gottes glauben konnte. In zehn Interviews mit Weggefährten findet er Ursache seiner Entwicklung und mögliche Auswege. Für manche Christen mag die Offenheit der Diskussion eine Zumutung sein, für andere Trost, dass sie nicht allein solche Gefühle haben. Die Lösung kann nicht jeder als „Happy End“ bewerten, das spielt aber keine Rolle, solange es dem Betroffenen hilft. Insgesamt sehr gut!

 

Titel Freischwimmer
Meine Geschichte von Sehnsucht, Glauben und dem großen, weiten Mehr
Autor Torsten Hebel
Daniel Schneider
Erschienen 2015 bei SCM Verlag, Holzgerlingen
Auflage 3. Auflage 2016
Format Paperback, 256 Seiten
ISBN 978-3-7751-5645-5

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