Handschlag unter Stacheldraht

Andere Menschen haben Probleme mit ihren Eltern, meine Eltern sind cool. Sie waren immer ein gutes Vorbild. Warum also sollte ich meinen Eltern etwas vergeben? Und was ist mit all den anderen Personen?

Quelle

Das ist meine eigene Regel.

Was bedeutet das für mich?

In meiner Auszeit habe ich mich viel mit meiner Vergangenheit beschäftigt, und dabei entdeckt, dass es doch so einiges zu bewältigen gibt. Selbst in dem Fall, dass meine Mitmenschen innerhalb und außerhalb der Familie vorwiegend aus gut gemeinten Motiven gehandelt haben, haben sie doch Fehler gemacht. Nicht objektive Fehler, sondern Dinge, die mich (genau mich in genau meiner Situation) verletzt haben.

Vergeben heißt Loslassen, und das ist wahrscheinlich das Schwierigste, was ein Mensch in seinem Leben lernen muss. Vergeben dreht nicht das Rad zurück, in der Vergebung akzeptiere ich die Vergangenheit und ihre Auswirkungen auf meine Gegenwart. Aber ich erlaube ihr keinen Einfluss mehr auf meine Zukunft.

Du vergibst für dich, weil es dich befreit. Es ermöglicht dir, dem Gefängnis zu entkommen, in dem du dich befindest.

Louise Hay

Verfolgtes Ziel

Freiheit möchte ich erlangen, auch die Freiheit von falschen Vorstellungen über mich selbst. Denn nur dann kann ich meinen Blick nach vorn richten und meine Zukunft gestalten.

Leben nach dem Vorbild von Jesus ist eines meiner Ziele. Aber ich weiß genau, dass ich niemals so selbstlos lieben und vergeben kann wie er. Welche Kraft braucht ein Mensch, um seinen Mördern bei der Hinrichtung zu vergeben?

Passt das zu meinem christlichen Glauben?

Ja, denn Vergebung spielt sowohl im Alten als auch im Neuen Testament der Bibel eine herausragende Rolle. Besonders spannend finde ich die Geschichte von Petrus, der Jesus einmal gefragt hat, ob es okay sei, wenn er seinem Bruder sieben Mal vergibt. Vermutlich kam er sich mit dieser Zahl schon besonders fromm vor. Doch Jesus holt ihn auf den Boden des göttlichen Maßstabs zurück:

… nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.

Die Bibel (Luther 2017): Matthäus 18,22

Vergeben ohne Grenze, vergeben als wäre es das erste Mal, egal welche Vorgeschichte es gab: Das ist, was Jesus hier als Maßstab setzt. Unmöglich? Ja, außer mit Gottes Hilfe.

Für mich oder für andere?

In dieser Regel bin und bleibe ich der Handelnde. Das ist gerade die Herausforderung daran. Es ist schön, wenn andere mir meine Fehler vergeben. Es ist bereichernd, wenn ich davon erfahre. Noch einen Schritt weiter könnte mein Gegenüber gehen, indem die Person sich aktiv bei mir entschuldigt. Dann bin ich von extern dazu aufgefordert, mich mit meiner Vergebungsbereitschaft auseinanderzusetzen.

Hier geht es für mich aber darum, dass ich den Menschen vergebe, die mir in der Vergangenheit irgendeine Art von Schaden zugefügt haben. Ich allein bin aktiv, möglicherweise habe ich einen Helfer bei der Bewältigung, nicht jedoch den „Schuldner“.

Persönliches

Ab hier werden meine Regeln wirklich schwer umzusetzen. Religion, Gastfreundschaft und Familie sind für mich vergleichsweise geringe Herausforderungen. Echte Vergebungsbereitschaft ist dagegen eine Herkulesaufgabe. Es ist schon schwer, zu definieren, was Vergebung überhaupt ist, wenn vollständiges Vergessen unmöglich ist und die Folgen einer Schuld bis heute andauern. Deshalb habe ich mir die Vergebung als ein Ziel gesetzt. Nicht eines, das ich jeden Tag erreiche, sondern eines, an dem ich jeden Tag wachse.

Zuerst lieben die Kinder ihre Eltern.
Nach einer gewissen Zeit
fällen sie ihr Urteil über sie.
Und selten, wenn überhaupt je,
verzeihen sie ihnen.

Oscar Wilde

Doch was hat es mit dem erweiterten Personenkreis auf sich? Um mit meiner Vergangenheit abzuschließen, ist es für mich wichtig, alle Personen einzubeziehen, die mich geprägt oder gelehrt haben. Manche haben mir versucht, ihre Meinung aufzudrücken, andere waren derart überzeugt und überzeugend, dass ich sie freiwillig angenommen habe. Oft habe ich erst mit großem Abstand erkannt, wenn eine verinnerlichte Grundhaltung mir mehr schadet, als nutzt.

Gerade in der christlichen Erziehung der 80er Jahre spielte Gesetzlichkeit eine große Rolle. Da waren auf der einen Seite die Rebellen der 68er, die sich bewusst über alle Regeln hinweggesetzt haben und auf der anderen Seite diejenigen, die am alten Gedankengut unverrückbar festhalten wollten.

Ich habe in der Zeit viele konservative Einstellungen mitsamt den präsentierten Begründungen übernommen. Manche dieser Ordnungen waren gut für mich, andere rauben mir bis heute einen Teil meiner persönlichen Freiheit. Genau da liegen die Punkte, an denen ich heute meinen damaligen Ratgebern vergeben möchte.

Ich weiß, dass die meisten dieser Menschen unbedingt positive Absichten hatten, mir aus echter Hilfsbereitschaft oder Liebe einen guten Rat geben wollten. Das hilft mir beim Verständnis und beim ersten Schritt zur Vergebung. Doch wenn ich z.B. seit früher Jugend mit dem Selbstbild aufgewachsen bin, unsportlich zu sein, dann hat sich das auf mein ganzes bisheriges Leben ausgewirkt. Heute weiß ich, dass ich falsche Vorstellungen über mich nur dann loslassen kann, wenn ich den Menschen vergebe, die sie in mir verursacht haben.

Allein kann ich das nicht, aber mit Gottes Hilfe und der Unterstützung von lieben Freunden möchte ich mir diese Freiheit zurückholen.


Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe über meine eigenen Lebensregeln.

Bildnachweis: Pixabay, freigegeben unter Creative Commons CC0 Lizenz

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