Buchtitel: Kleines Handbuch für den Umgang mit Unwissen

Als Lesebuch ungeeignet, als Lehrbuch nicht deskriptiv genug, als Ratgeber zu wenig narrativ und als Zitatensammlung zu einseitig. Mir fällt leichter, zu beschreiben, was das Büchlein nicht ist. Nassim Nicholas Taleb veröffentlicht eine Sammlung seiner Aphorismen zu Themen, die sein Leben und Schaffen prägen.

Taleb ist gebürtiger Libanese und hat seine Ausbildung und berufliche Laufbahn in den USA absolviert. Bevor er sich der Philosophie und dem Schreiben zuwendet, hat er als Finanzmathematiker im Umfeld der Wall-Street Karriere gemacht.

Die Kernthemen seines wissenschaftlichen und philosophischen Schaffens sind die Antifragiligät (so auch der Titel eines weiteren Buches von ihm) und die möglichen Reaktionen auf zufällige Ereignisse großen Ausmaßes.

Auch das vorliegende Werk beginnt damit, dass er die Wissenschaft kritisiert. Wissenschaftler verschiedener Disziplinen packen die Welt in Kategorien und riskieren dabei, dass kleine Anteile der Realität unbeachtet bleiben. Diese Ausreißer und Zufälle sind jedoch immer wieder ursächlich für ausgeprägte – oft negative – Folgen.

Er packt seine Aussagen in Aphorismen, jenen prägnant kurzen Texten, die in einem einzigen Satz den Kern einer Wahrheit ausdrücken. Diese rhetorische Form braucht keine Auslegung und weder Vor- noch Nachworte. Die Lebensweisheiten werden auf den kürzestmöglichen Umfang verdichtet. Menschen, die nach einer Erklärung der Sinnsprüche fragen, bezeichnet Taleb als „Nerds“.

Das Buch ist in Kapitel gegliedert, die sich jeweils an einem Thema abarbeiten. Jeder Abschnitt enthält mehrere unabhängige Sprüche, die nur durch die gemeinsame Überschrift zusammengehalten sind. Die Reihenfolge scheint auf den ersten Blick beliebig. Viele der Aphorismen haben einen philosophischen Einschlag, die grobe Kenntnis der Strömungen in der Philosophie ist dem Verständnis zuträglich.

Wenn ich versuche, das Buch sehr kurz zusammenzufassen, dann sieht das wie folgt aus: Zufälle geschehen häufiger als erwartet, und wer nicht auf das Unerwartete vorbereitet ist, wird daran zerbrechen. Der Autor schafft es, komplexe Sachverhalte kompakt darzustellen, ohne das Niveau zu reduzieren. Seine Aphorismen sind keine Sprichwörter, sie ersparen dem Leser nicht das Nachdenken und vereinfachen nicht, wie die Boulevardpresse das bevorzugt.

Häufig musste ich bei der Lektüre schmunzeln, vor allem wenn der Autor sich an seiner Lieblings-Feindgruppe, den Wirtschaftswissenschaftlern austobt. Einige Male musste ich aber die Luft anhalten, weil er mich meiner eigenen Mängel überführt hat.

Dem Leser empfehle ich, das Werk in Ruhe mit viel Zeit zu genießen. Jeder einzelne Ausspruch ist in sich vollständig, aber nicht immer im vollen Umfang erklärt. Konsumieren ohne Nachdenken ist bei dieser Lektüre nicht möglich. Für mich stellen die übermittelten Weisheiten eine Quelle an bedenkenswerten Themen dar. Nach dem letzten Kapitel ist das Buch nicht „fertig“, sondern die eigentliche Arbeit der Reflexion beginnt erst.

Fazit: In kernigen Aphorismen stellt Nassim Nicholas Taleb seine Lebensweisheiten dar, in denen er sich an der modernen Wissenschaft verschiedener Fachrichtungen abarbeitet. Als Leser bin ich gefordert, die Erklärungen und Anwendungen zu den Aussagen selbst zu erarbeiten. Ein wertvolles Büchlein, das zum Weiterlesen anregt.

 

Titel Kleines Handbuch für den Umgang mit Unwissen
Autor Nassim Nicholas Taleb
Übersetzerin Susanne Held
Erschienen 2013 bei Knaus Verlag, München
Originalausgabe New York 2010 unter dem Titel „The Bed of Procrustes. Philosophical and Practical Aphorisms“
Auflage 2. Auflage 2013
Format gebunden mit Schutzumschlag, 126 Seiten
ISBN 978-3-8135-0490-3

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