Röhrenverstärker in Betrieb
Die_Röhren

Da ist er nun, mein eigener HiFi-Röhrenverstärker. Seine Eckdaten sind: Ausgangsleistung 2x 8 Watt, keine Klangregelung, ein Stereo-Eingang, Lautsprecherausgang für ein Paar Boxen in 4 oder 8 Ohm Impedanz, ein Einschalter. Fünf Röhren und kein Transistor, nicht einmal eine Diode. Das war’s.

Vorweg möchte ich das Klangerlebnis beschreiben, denn die genannten technischen Daten lassen nichts gutes erhoffen. Der Klang des Verstärkers hat mich aber umgehauen. Zunächst einmal muss ich feststellen, dass 8 Watt mehr als ausreichend sind, ich konnte in der Mietwohnung den Lautstärkeregler nicht mehr als 1/4 weit aufdrehen und das war definitiv schon viel mehr als Zimmerlautstärke. Der Klang ist sehr klar und präzise, dabei aber weder zu kalt noch zu sehr weichgezeichnet. Ich habe beim Hören einiger gut bekannter CDs festgestellt, dass ich Details gehört habe, die mir noch nie zuvor aufgefallen sind. Und entgegen aller Unkenrufe ist der “kleine” Verstärker sehr wohl in der Lage, meine angeblich so stromhungrigen Infinity Kappa 6.1 Standboxen zu reichlich Lautstärke zu bewegen – bei immer noch sehr sauberem Klang.

Nun aber zum Aufbau des Geräts:

Aussen_ohen_Röhren

Da ich mich nun schon seit einem halben Jahr tiefer mit der Materie beschäftige, kann ich den Verstärker etwas genauer beschreiben. Mittig, sowohl von oben als auch von unten gut zu sehen sitzt der Eingangstransformator für die Heizspannung der Röhren und die Versorgungsspannung der Schaltung. Links und rechts davon befinden sich die beiden Ausgangsübertrager, die die hohe Spannung der Röhrenschaltung auf eine niedrigere Spannung bei höherer Stromstärke für die Lautsprecher heruntersetzen. Diese sind gegenüber dem Eingangstransformator um 90° gedreht, damit sich die Magnetfelder nicht gegenseitig beeinflussen. Mittig vor dem Transformator sitzt die Gleichrichter-Röhre, die die Wechselspannung aus dem Stromnetz in Gleichspannung umwandelt. Zu beiden Seiten dieser Röhre sind die beiden Endstufenpentoden vom Typ EL-34B installiert und ganz außen befinden sich die beiden Doppel-Trioden, welche für die Vorverstärkung des Eingangssignals verantwortlich sind.

Innenansicht

Im Innenraum sieht man rechts vom Eingangstransformator die etwas kleinere Drosselspule, die Störsignale aus der Versorgungsspannung filtert und die mächtigen Elektrolyt-Kondensatoren, die für die Glättung der Gleichspannung verantwortlich sind. Die weiteren passiven Bauteile sind im Wesentlichen für die Einstellung der Versorgungsspannung der verschiedenen Komponenten und für die den Signalweg durch Vorverstärker und Endstufe verantwortlich. Mehr Schaltungstechnik benötigt ein Röhrenverstärker nicht.

Die Schaltung ist als sogenannte Eintakt-Klasse-A-Schaltung ausgelegt, die man im Englischen als “Single-Ended” bezeichnet. Dabei wird das vollständige Signal von einer einzigen Röhre verstärkt. Der große Vorteil ist, dass es weniger klangbeeinflussende Bauteile im Signalweg gibt, der Hauptnachteil ist die vergleichsweise geringe Ausgangsleistung und der geringe Wirkungsgrad. Die andere häufig anzutreffende Schaltungstechnik nennt sich Klasse-AB Gegentaktschaltung (Englisch: “Push-Pull”), in der die positive und die negative Halbwelle des Signals von zwei getrenntern Verstärkern verarbeitet werden, in der Röhrentechnik muss dazu für die zweite Röhre das Signal invertiert werden. Gegentakt-Stereo-Röhrenverstärker erkennt man somit daran, dass sie vier statt zwei Endstufenröhren haben.

Meine Herangehensweise:

In_Betrieb

Zunächst war mein Plan, einen Röhrenverstärker vollständig selbst zu planen und zu bauen, allerdings haben mich zwei Punkte bewogen, meinen Plan zu ändern: Einerseits ist es für mich als Nicht-Elektrotechniker sehr aufwändig und vermutlich auch fehleranfällig, die notwendigen Berechnungen durchzuführen, und zum anderen werden zumindest Röhrenendstufen immer mit sehr hohen Spannungen zwischen 200 und 450 Volt betrieben, der Umgang damit kann lebensgefährlich sein. Daher habe ich von einem Selbstbau zunächst Abstand genommen, nur unter professioneller Anleitung würde ich ein solches Projekt angehen.

Daher habe ich mich für die ersten Eindrücke für ein chinesisches Modell entschieden, das nach herkömmlicher Machart, also Direktverdrahtung der Komponenten ohne Platine aufgebaut ist. Der sehr saubere Aufbau und die Auswahl hochwertig erscheinender Komponenten lässt darauf schließen, dass hier auch nicht am falschen Ende gespart wurde. Sehr positiv überrascht hat mich die Qualität der Ausgangsübertrager, denn wenn hier gespart wird, leidet meist der Frequenzbereich. So habe ich das Innenleben des Verstärkers nur aus reiner Neugier betrachtet, lediglich die Röhren wurden zum Transport entfernt und mussten selbst bestückt werden.

Auch die mechanischen Komponenten, allem voran das Gehäuse und dessen Bearbeitung, hätten mich allein vor unlösbare Probleme gestellt, hier werde ich bei einem Selbstbau die Hilfe und das Werkzeug eines Mechanikers brauchen.

Gekostet hat das gute Stück knapp 300 Euro incl. Versand.

Fazit:

Für mich war der Weg, den ich im letzten halben Jahr bis zu diesem Ergebnis zurückgelegt habe, sehr lehrreich und interessant, auch wenn ich mich am Ende aus Zeitmangel und wegen fehlenden Vorkenntnissen gegen den Selbstbau entschieden habe. Das klangliche Erlebnis ist absolut überzeugend, die scheinbar schlechten technischen Werte in der Praxis bedeutungslos. Es bleibt das Staunen, mit welchen Mitteln man vor 50 Jahren HiFi bauen konnte und wie wenig der technische Fortschritt im reinen Klangerlebnis gebracht hat.


Nachtrag: Ein Verstärker mit 2×8 W klingt auf den ersten Blick nach hoher Energieeffizienz, doch leider muss man bei der Röhrentechnik eine Menge Verlustleistung durch den Transformator oder die Röhrenheizungen in Kauf nehmen. Ich habe das Gerät im eingeschalteten Zustand bei komplett heruntergeregelter Lautstärke an ein Energiemessgerät gehängt. Die Leistungsaufnahme im Leerlauf beträgt ca. 88 Watt. Zum Glück trennt der Ausschalter mechanisch den Netzanschluss, so dass die Leistungsaufnahme im ausgeschalteten Zustand genau 0 Watt beträgt.

6 Kommentare zu “Der HiFi-Audio Röhrenverstärker

  1. Hallo Joe,
    ich habe Ihre Website gefunden, weil ich nach Verstärker Selbstbau Blogs gesucht habe.
    Ihr Projekt ist von Anfang an gut durchdacht gewesen und Sie sind niemand der an Selbstüberschätzung leidet. Ich finde es gut, dass sich mit der Problematik Röhrenverstärker auseinandergesetzt und sich Hilfe bei den kniffeligen Sachen geholt haben. Elektrisch und akustisch vermag ich den Aufbau nicht einzuschätzen. Aber wenn ich das Gehäuse sehe, das sieht wirklich schick aus. Im großen und ganzen ein gelungenes Projekt.
    Ich habe ebenfalls ein Projekt und wollte in einem kleinen Blog veröffentlichen,
    habe aber etwas Bedenken wegen den ganzen Datenschutz und Copyrightsachen. Welche Plattform ist die richtige? Instagram und Co wollte ich da nicht bemühen.
    Haben Sie vielleicht einen Tip so aus der eigenen Efahrung?

    Vielen Dank für Ihre Zeit und bleiben Sie weiter interessiert, Röhren sind was sehr schönes.

    Viele Grüße aus Engeldorf bei Leipzig
    Steffen Klemm

    1. Hallo Steffen,

      über das Thema Datenschutz habe ich vor vier Jahren mal einen Blogbeitrag geschrieben im Rahmen der DSGVO-Einführung: https://onkeljoe.de/mein-privater-blog-und-die-datenschutz-grundverordnung-dsgvo/ . Für Privatpersonen bieten diverse Rechtsanwälte kostenlose Datenschutz-Generatoren an, die auch ein rechtssicheres Impressum erstellen können. Dazu muss man ein online-Formular ausfüllen. Die Anbieter findet man über Google. Copyright ist ein heikles Thema im Bezug auf Röhrenverstärker. Es ist klar, dass Abschreiben nicht erlaubt ist, und dass eigene Texte und Bilder auch unter eigenem Copyright stehen. Das Urheberrecht endet erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Hier könnte vor allem die unveränderte Veröffentlichung von Schaltplänen anderer Leute ein Problem darstellen. Wenn es die Firma oder einen Rechtsnachfolger noch gibt, kann man dort nachfragen, ob man die Erlaubnis bekommt. Andernfalls müsste man die Autoren oder deren Erben ausfindig machen. Falls so etwas geplant ist, besser vorher eine Rechtsberatung einholen, das spart hinterher viel Zeit und Geld. Patente haben eine kürzere Laufzeit (25 Jahre, wenn ich mich nicht täusche), die dürften für die meisten Röhrenschaltungen abgelaufen sein.

      Darüber hinaus kann ich nur Mut machen, über sein Hobby zu schreiben, selbst erstellte Fotos zu veröffentlichen, selbst gezeichnete Schaltpläne abzubilden, besonders wenn sie aus mehreren Teilen anderer Ideen zusammengesetzt sind. Gerade bei eher seltenen Hobbys ist es wichtig, das Wissen für andere aufzubewahren und zur Verfügung zu stellen.

      Viel Freude dabei, herzliche Grüße, Joe

  2. Gratuliere zu diesem extrem schön aufgebauten Verstärker, wirklich prächtig!
    Sie schreiben, es sei ein chinesisches Modell… Ich bin selber auch auf der Suche nach einem schönen, guten point-to-point SE Reaktor, und habe noch nichts so richtiges gefunden… Darf ich fragen, wo ich an die Infos/den Bausatz komme?

    vielen Dank zum Voraus
    David aus der Schweiz

    1. Hallo David,

      ich habe den Verstärker fertig gelötet gekauft (nur die Röhren musste ich selbst einsetzen). Bei Amazon gibt es das Gerät als Fertiggerät oder Bausatz. Der Bausatz war letztes Jahr noch preiswerter zu haben, jetzt kostet er fast genauso viel wie das aufgebaute Gerät. Über verschiedene Quellen (Amazon, Ebay, aber auch direkt bei chinesischen Händlern) gibt es ähnliche Geräte und Bausätze u.a. auch direkt aus China. Ich habe mich für den deutschen Zwischenhandel entschieden, um die Abwicklung der Zoll-Formalitäten zu erleichtern. Leider weiß ich nicht, ob das in der Schweiz einfacher umsetzbar ist. In Deutschland muss man Waren ab einem Wert von 22 Euro beim Zollamt in der nächsten Kreisstadt abholen, das war mit zu aufwändig. Mit den Suchbegriffen “EL34 Single-Ended DIY” findet man eine Auswahl passender Angebote.

      Viel Erfolg beim Aufbau! Berichte gerne hier von Deinen Erfahrungen, wenn Du magst.

      herzliche Grüße, Joe

    2. Hallo David, hallo Technikfreunde, ich kenn mich mit dem speziellen Sachgebiet nicht so aus, zusätzlich besitze ich gar keinen Verstärker. Wenn ich so darüber nachdenke, auch keinen Blog. Daher lass ich dir einfach mal viele Grüße da, halt dir Ohren steif.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.