Der Komet – Geschichte einer Parallelwelt

Buchtitel: Hannes Stein - der Komet

Was wäre, wenn eine einzige meiner Entscheidungen den Lauf der Weltgeschichte verändern könnte? Die „Schmetterlings-Effekt“ genannte Theorie erwägt, dass so etwas denkbar wäre. Tatsache ist, dass bei jeder Wahl, die ein Mensch trifft, andere Wege nicht beschritten werden. Man kann also nie wissen, wie sich die Geschichte alternativ weiterentwickelt.

Trotzdem ist dieses Gedankenspiel äußerst reizvoll. In seinem Roman „der Komet“ spielt Hannes Stein einen Geschichtsverlauf durch, der plausibel wäre, wenn der Erste Weltkrieg nicht ausbricht: Deutsch ist die Weltsprache, Österreich-Ungarn ist die einflussreichste Weltmacht, der Mond ist eine deutsche Kolonie, Raketen dienen als Transportmittel, nicht als Waffen. Es wirkt phantastisch und dennoch denkbar.

Die Handlung wird abwechselnd aus der Sicht einiger Personen erzählt, die zunächst nicht miteinander verknüpft sind. Die Welt läuft auf eine Katastrophe zu, weil ein Komet die Flugbahn der Erde kreuzt und es zum Zusammenstoß kommen soll. Die Rahmenhandlung ist jedoch unwichtig, denn der eigentliche Witz des Textes findet zwischen den Zeilen statt.

In etlichen Textpassagen wird auf Ereignisse unserer realen Welt angespielt. Unter den alternativen Umständen klingt das humorvoll. Ein Beispiel ist der Name des Regisseurs „Szczepan Szpilberg“. Viele historische Personen haben im Buch eine vollkommen andere Rolle. Monarchien und Kolonialmächte bestehen weiter. Um das für den Leser verständlich zu machen, verweist der Autor an einigen Stellen auf den umfangreichen Anhang, in dem er die Erzählung mit der Geschichte der realen Welt in Beziehung setzt.

Das interessanteste Detail im Roman ist für mich der doppelte Twist: Ein Psychologe behandelt einen Patienten, der in Albträumen den Holocaust träumt. Er kann sich keinen Reim darauf machen, denn in seinen Augen sind die Berichte so haarsträubend unmenschlich, dass sie nichts mit der Realität zu tun haben können. Ein russischer Kollege berichtet von einem ähnlichen Fall, der in Phantasien die Stalinzeit durchlebt. Die Idee überzeugt mich, dass der reale Wahnsinn des 20. Jahrhunderts in einer fiktiven Welt so unglaublich irreal erscheint.

Für mich ist die Lektüre ein Genuss. Sie verlangt dem Leser einiges an Vorbildung ab, um wenigstens einen Teil der Anspielungen zu verstehen. Kurz: Das Buch ist ein intellektueller Leckerbissen und steckt voller hintergründigem Humor. Nebenbei gelingt es dem Schriftsteller, aktuelle Themen und Diskussionen geschickt in seiner alternativen Welt einzubauen. Und natürlich fehlt auch nicht die unvermeidliche Liebesgeschichte.

Fazit: Der Roman „Der Komet“ von Hannes Stein handelt in der Gegenwart. Allerdings in einer Welt, die sich an einigen historischen Eckpunkten anders entwickelt hat als unsere Realität. Humorvoll und mit Hintergrundwissen führt er die finsteren Seiten unserer Gesellschaft vor. Alles ist hübsch verpackt in einer oberflächlichen Erzählung von Liebe, Politik und Katastrophe. Das Werk ist ein gelungenes Gedankenspiel, für Kenner der jüngeren europäischen Geschichte absolut empfehlenswert.

 

Titel Der Komet
Autor Hannes Stein
Erschienen 2013 bei Galiani, Berlin
Auflage 1. Auflage 2013
Format gebunden mit Schutzumschlag, 271 Seiten
DDC-Klassifikation 833.92
ISBN 978-3-86971-067-9

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