Still – Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt

Buchtitel: Still - Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt

Auf dem Schulhof steht er abseits der anderen Kinder, versenkt sich in seine Innenwelt und summt still eine ruhige Melodie. Auf dem Nachhauseweg konstruiert er große Maschinen, die mit allerhand Hebeln und Pedalen bedient werden, dabei gestikuliert er still in der Luft. Er hält sich gern in der Stadtbücherei auf und liest zwei oder drei Bücher pro Woche. So oder ähnlich sieht es aus, wenn introvertierte Kinder ihre Welt erkunden.

Das Ideal der heutigen Welt ist laut – so beschreibt es auch Susan Cain in ihrem Buch „Still“ – laut und exzentrisch. Die Extravertierten sind die Menschen, die das Sagen haben. Sie sind an der Regierung, sie führen Unternehmen und sie sind auf jeder Party zu treffen. Meist sind sie sehr selbstsicher und übertönen dabei geschickt ihr unfertiges Weltbild. Susan Cain erkundet für ihr Buch die Welt der Extravertierten in drei typischen Bereichen:

  • Persönlichkeitskultur – Seminare zur Änderung des eigenen Verhaltens hin zu offensiver Extraversion. Aus den USA längst auch bei uns angekommen ist die Welle der Erfolgsgurus, die in überteuerten Seminaren ihr Publikum dazu anfeuern, ihre innere Energie zu entdecken und laut nach außen zu schreien.
  • Harvard Business School – Sicher die extremste Elite-Universität für die angehende Karriere im Top-Management, hier ist Extraversion Voraussetzung und Lehrinhalt. Auch in Europa gibt es immer mehr private Bildungseinrichtungen nach diesem Muster und die öffentlichen Hochschulen versuchen mit neidvollem Blick den Anschluss zu halten.
  • Evangelikale Christen – auch der Trend zu immer mehr Extraversion in christlichen Gemeinschaften beginnt in den USA und hat Europa längst erreicht. An die Stelle von Kontemplation ist die Kommunikation getreten und statt Lithurgie gibt es eine Band mit Schlagzeug, auch dies ist hierzulande in den Freikirchen längst Usus.

Susan Cain wählt in ihrem Buch bewußt die Begriffe „introvertiert“ und „extravertiert“, fasst diese aber weiter als das heute in der Psychologie typischerweise gesehen wird. Sie vereint unter der Introversion auch Schüchternheit, Hochsensibilität, Gewissenhaftigkeit, Beharrlichkeit, Konzentration und Mitgefühl. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal bleibt die Quelle der Kraft zum Auftanken. Extravertierte Menschen ziehen ihre Kraft aus Gemeinschaft und Aktion, introvertierte eher aus Einsamkeit und Kontemplation. Die Autorin entfaltet gut strukturiert die heutige Kultur, das Wesen des Bildungs- und Arbeitssystems und der neuen Ideale darin.

Sie belegt anhand mehrerer Studien, dass das Temperament zu einem guten Teil genetisch vorbestimmt ist, den Rest gibt die Prägung durch Familie, Erziehung und sozialem Umfeld dazu. Weiter zeigt sie, wie das eigene Temperament durch den eigenen freien Willen überwunden werden kann, aber auch wo die Grenzen dafür liegen.Mehrere Beispiele belegen, wo introvertierte Menschen in Rollen anzutreffen sind, in denen man sie nicht vermuten würde, und welchen Weg sie dorthin genommen haben. Ein wichtiger Aspekt bei allem ist die Interaktion zwischen Menschen mit verschiedenem Temperament und ein Plädoyer für die Vorzüge des leiseren Temperaments. Zuletzt behandelt sie noch den kulturellen Einfluss auf das Temperament und auf die Bewertung von Menschen verschiedenen Temperaments z.B. in der westlichen Gesellschaft oder im ostasiatischen Raum.

Der dritte und für mich wichtigste Teil enthält praktische Anleitungen zum Umgang mit der eigenen Introversion, zur Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlichem Temperaments und zur Erziehung introvertierter Kinder. Wie bereits im ganzen Buch bringt sie auch hier eigene Erfahrungen ein und ergänzt diese durch die Inhalte vieler Gespräche mit Betroffenen und deren sozialem Umfeld. Das Buch endet damit, dass Susan Cain noch einmal die Vorzüge von introvertierten Menschen hervorhebt und deren Einfluss auf Wissenschaft, Kunst und Kultur bestätigt.

Persönliche Notiz: Der Junge, von dem ich im ersten Abschnitt berichtet habe, das bin ich selbst. Nicht erst seit diesem Buch weiß ich, dass ich ein introvertierter Mensch bin. Allerdings bin ich doch einigermaßen erstaunt darüber, in welchem Maß ich mich in den Beschreibungen von Susan Cain wiedergefunden habe. Einige meiner Eigenschaften und der daraus abgeleiteten Handlungen kann ich nun selbst besser einordnen. Vor allem erkenne ich die Umstände wieder, die dazu geführt haben, dass ich meinen geliebten Beruf aufgegeben habe und mich derzeit auf der Suche nach meiner wirklichen Bestimmung befinde. Diese Suche dauert länger, als ich ursprünglich geplant hatte, und ich erkenne, dass ich an vielen Stellen Verletzungen hinter mir lassen muss, die mir durch ein nicht passendes Umfeld zugefügt wurden. Dabei bin ich mir immer bewusst, dass ich mir die Rolle selbst ausgewählt habe, die ich in den letzten Jahren gespielt habe. Die Autorin hat ihren Weg beschrieben, wie sie mit ihrer eigenen Introversion zurechtgekommen ist, was sie aufgegeben hat und wie sie die Situationen meistert, in denen sie gegen ihr eigenes Temperament handeln muss. Ein ähnlicher Weg liegt nun auch vor mir.

Fazit: Ein hervorragendes Buch, das sehr gut die Unterschiede zwischen introvertierten und extravertierten Menschen beschreibt. Die Rolle der Temperamente in der Gesellschaft wird sehr genau beschrieben. Der wichtigste Aspekt des Werks ist der praktische Umgang mit dem eigenen Temperament und mit introvertierten Menschen. Daher empfehle ich das Buch jedem, der sich selbst als betroffen ansieht und jedem, der im Beruf, in der Partnerschaft oder in der Familie mit introvertierten Menschen zu tun hat.

 

Titel Still
Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt
Autor Susan Cain
Übersetzer Franchita Mirella Cattani
Margarethe Randow-Tesch
Erschienen 2011 bei Riemann Verlag, München
Auflage 4. Auflage 2011
Format gebunden mit Schutzumschlag, 448 Seiten
ISBN 978-3-570-50084-2

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3 Kommentare

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  2. Magdalena Bruns

    Hallo Johannes,
    Danke für die tolle Zusammenfassung. Ich habe in der family(Zeitschrift) von dem Buch gelesen. Jetzt weiß ich schon mehr. Vielen Dank. Super finde ich auch deine Ahnenforschung. Sie geht ja weit zurück. Ich wünsche dir, dass du deinen weg findest,der für dich dran ist. Bleib dran. LG Magdalena Bruns geb. Philipp

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    1. Johannes Heinemann (Beitrag Autor)

      Hallo Magdalena,
      vielen Dank für deine Ermutigung!
      Herzliche Grüße, Johannes

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