Buch: Dumm 3.0 – Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen

Titelseite: Dumm 3.0

Die dritte Medienrevolution – das Internet – gefährdet alle Errungenschaften der ersten beiden (Schrift, Buchdruck) und die Kultur im Gesamten, so scheint der Publizist Markus Reiter die Neuerungen der letzten 20 Jahre zu interpretieren. Dabei gibt er gleich zu Beginn seines Buches zu, dass auch er sich nicht mehr vorstellen kann, ohne Internet zu leben.

In weiten Teilen dieser Veröffentlichung setzt der Autor die neu entstehende Kultur des benutzergenerierten Kontent mit dem Internet als ganzes gleich. Dabei kommt er zu einer umfassenden und geradezu vernichtenden Kritik der neuen Autoren im Netz, indem er sich negative Beispiele herauspickt und als Musterexemplare für die neuen Internetschaffenden insgesamt interpretiert. Seine Hauptforderung ist, dass der Qualitätsjournalismus nicht zugrunde gehen darf, und dass nur ausgebildete und angemessen bezahlte Journalisten diese Qualität liefern können.

Leider ist der Autor in seiner Meinung so festgelegt, dass er selbst zu zweifelhaften literarischen Mitteln greift, um seine Meinung entsprechend darzulegen: Die Befürworter der neuen Entwicklung bezeichnet er als „Internet-Apologeten“, den laxen Umgangston als „krakelen“ und zitiert verbale Fehlgriffe einzelner Blogger so, dass dies vom Leser als Grundton im Internet aufgefasst werden kann, vor allem aber wirft er mehrmals die Blogger, die einen Text veröffentlichen, mit den kommentierenden Lesern in einen Topf und vergleicht Lesermeinung mit journalistischem Schaffen.

Meist setzt er voraus, dass professionelle Journalisten neutral und gut recherchiert berichten, während die Hobby-Autoren nur ihre ungefilterte Meinung kundtun. Hier will ich Markus Reiter zugute halten, dass sein Buch aus dem Jahr 2010 stammt und seine Recherchen offensichtlich überwiegend im Jahr 2009 verankert sind. Aus dieser Perspektive waren einige Entwicklungen der letzten 8 Jahre noch nicht vorauszusehen. Erst rückblickend betrachtet verlieren einige seiner Argumente ihre Zugkraft. Beispielsweise hat er die Prognose, dass Twitter im Jahr 2013 Milliarden-Umsatz und -Gewinn machen wollte als „Chuzpe“ bezeichnet. Heute wissen wir, dass Twitter seit dem Jahr 2015 tatsächlich Milliarden-Umsätze tätigt, wenn auch immer noch nicht in der Gewinnzone. Noch krasser ist seine Fehleinschätzung hinsichtlich Facebook, denn dort werden seit 2010 regelmäßig Gewinne erwirtschaftet, zuletzt in Höhe von 6 Milliarden Dollar nach Abzug der Investitionskosten. Ebenso war nicht vorherzusehen, dass die Piratenpartei sich durch ihr internes Chaos quasi selbst in die Bedeutungslosigkeit versenkt hat. Ich erwarte nicht, dass jemand das voraussehen konnte, aber zu guter Argumentation gehört für mich auch, dass negative Vermutungen nicht als scheinbaren Beleg herangezogen werden.

Zu Recht erkennt Reiter, dass guter Journalismus bezahlt werden muss, und dass dazu das Urheberrecht eine gute Grundlage ist. Doch wieder verfällt er der Versuchung, die Kritiker dieser Rechtsgüter auf diejenigen zu reduzieren, die mit unsinnigen und egoistischen (Schein-)Argumenten letztlich nur verteidigen wollen, dass sie nicht zu einer Entlohnung der Autoren und Künstler bereit sind. Echte Gegenargumente werden auch hier nicht behandelt, zum Beispiel die Frage, wie es dem Autoren eines Werkes helfen soll, dass sein geistiges Eigentum bis 70 oder 80 Jahre nach dessen Tod geschützt werden soll, mithin also bis in die vierte Erbengeneration.

Das traurige daran ist für mich, dass ich vielen seiner Aussagen inhaltlich voll zustimmen kann, aber die Art und Weise, wie die Argumente vorgebracht sind, führt bei mir automatisch zu einer emotionalen Gegenreaktion. Ich liebe gedruckte Bücher und Zeitschriften, ich lese mitunter die Zeitung – vor allem den Lokalteil, der im Internet deutlich zu kurz kommt. Aber in den vergangenen Jahren musste ich feststellen, dass nicht nur in den Kommentarforen im Internet die Qualität und die Umgangsforen verschwunden sind, sondern auch im klassischen Journalismus. Zum Beispiel empfinde ich es inzwischen nicht mehr nur lästig sondern fast peinlich, wenn angesehene Journalisten des ZDF wie Marietta Slomka oder Thomas Walde ihre Interviewpartner behandeln. Diese werden mehrfach dazu gedrängt, den Gedanken oder die Wunschformulierung des Journalisten zu bestätigen, die Fähigkeit zum Stehenlassen gegensätzlicher Meinungen geht schrittweise verloren.

Die Kritik an der Entwicklung des Internet in den letzten 20 Jahren ist berechtigt, die Finanzierung von Inhalt durch benutzerspezifisch ausgewählte Werbung führt auch dort zu Abhängigkeiten, die man zuvor den Zeitschriften vorgeworfen hat. Ich stimme zu, dass eine Kultur etabliert werden sollte, in der das Bezahlen für Inhalte wieder zur Normalität wird. Die Zeit nach der Veröffentlichung des Buches stimmt mich da verhalten zuversichtlich, denn die Umsätze der digitalen Musikverwerter steigen kontinuierlich, das Bewußtsein junger Menschen, dass Musik nicht kostenlos zu haben ist, nimmt zu (wenn auch meist in Form einer Flatrate). Für die Zukunft des Journalismus kann ich mir eine ähnliche Entwicklung vorstellen. Ebenso stelle ich eine zunehmende Bereitschaft fest, kostenlos veröffentlichen Inhalt durch freiwillige Beiträge mitzufinanzieren, wie dies im Fall von Wikipedia oder dem im Buch zitierten Blog Netzpolitik.org offensichtlich der Fall ist. Der Organisationsform als Verein oder Stiftung gehört ein Teil der digitalen Zukunft.

Im Bereich der Hobby-Veröffentlichungen im Internet – zu denen auch dieses Blog gehört – entdecke ich immer wieder echte Perlen von Inhalten, die sehr gut aufbereitet und recherchiert wurden. Meist stammen sie von Enthusiasten, die sich in ihrer Freizeit auf ein Thema spezialisiert haben und dieses oft besser kennen als ein gut allgemeingebildeter Journalist. Die Frage, die der Autor stellt, bleibt auch für mich unbeantwortet: Wie findet man diese Perlen und wer soll in Zukunft die Vorauswahl vornehmen.

Fazit: Markus Reiter stellt in seinem Buch die richtigen Fragen. Durch die verbale Einseitigkeit verliert er leider einen Teil der von ihm selbst eingeforderten Objektivität. Seine Ansätze zur Lösung sind sinnvoll und können die notwendige Diskussion voranbringen. Das Buch ist unbedingt lesenswert, wegen der angeführten Einschränkung bewerte ich es aber nur mit „gut“.

 

Titel Dumm 3.0
Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen
Autor Markus Reiter
Erschienen 2010 bei Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh
Auflage 1. Auflage 2010
Format gebunden, 192 Seiten
ISBN 978-3-579-06883-1

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