Buch: Politik aus Notwehr

Buch: Politik aus Notwehr, Daniel Schwerd

Es braucht mutige Menschen, um nicht nur über „die da oben“ zu schimpfen, sondern selbst aktiv zu werden. Politik ist ein schmutziges Geschäft. Daniel Schwerd, ehemaliges Mitglied und aktiver Politiker der Piratenpartei, schreibt in seinem Buch über die Zeit bei den Piraten und die Entwicklung seiner selbst und der Partei in der Zeit seit 2009.

Wer mich kennt, weiß auch, dass ich mich schon immer für Politik interessiert habe, obwohl ich selbst nie politisch aktiv war. Mein Wahlspruch „Politik ist für die Menschen da – nicht umgekehrt“ hätte sich gut in den Ideen und Konzepten der Piratenpartei in deren Anfangsjahren wiedergefunden. Mein Eindruck war jedoch, dass diese Ansammlung von Idealisten es nicht geschafft hat, zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft zu werden, die mehr als nur Netzpolitik vertritt. Nach der Lektüre des Buches wurde dieser Eindruck durch den Autoren bestätigt, der die Entwicklung von innen miterlebt hat.

Zunächst muss ich sagen, dass ich Bücher, die von Aussteigern über ihre ehemalige Organisation geschrieben wurden, sehr kritisch lese – und auch in diesem Fall ist das sicher angebracht. Stellenweise hat mich der Stil an Daniel Domscheit-Berg’s „Inside Wikileaks“ erinnert. Wer sich in einer Gruppierung Feinde macht (oder zum Feind gemacht wird), der kann sich bei aller Bemühung um Objektivität doch zeitweise einer verbitterten Enttäuschung nicht erwehren, dies trifft auch auf Daniel Schwerd zu. Aber selbst wenn man alle wertenden Aussagen weglässt, bleibt genug Substanz übrig, um sich ein Bild über die Situation zu machen, das halbwegs objektiv zu sein scheint und sich zudem mit meinen Beobachtungen aus der Ferne deckt.

Selbst wenn nur die Hälfte der beschriebenen Missstände wahr wäre, stand und steht es um diese junge Partei noch viel schlimmer, als man vermuten konnte. Und ich glaube nicht, dass der Autor hier Unwahrheiten verbreitet. Viele Aussagen – insbesondere wenn Emotionen im Spiel sind – lassen sich aus der Distanz aber auch umgekehrt deuten, wenn man versucht sich in die Lage der anderen Seite zu versetzen.

Fakt bleibt, die Piraten sind mit ihrem Ansatz vorerst gescheitert und der Einblick aus dem Buch legt auch nahe, was die Gründe dafür sind. Über Schuld möchte ich (wie immer) nicht sprechen, denn das hat noch nie ein Problem gelöst. Die Analyse und Vorschläge für die Lösung von Problemen sind wichtig – und darum ist auch Daniel Schwerd glaubhaft bemüht. Und selbstverständlich stehe ich im zu, aus einer Situation von erlebten Verletzungen auch mit negativen Gefühlen herauszugehen. Mir gefällt, dass er mit Schuldzuweisungen vorsichtig ist und Personen, die ihn persönlich und nicht politisch angegriffen haben, nicht beim vollen Namen nennt.

Gegen Ende des Buches ist es mir immer schwerer gefallen, die schier endlose Aufzählung von Missständen und persönlichem Fehlverhalten weiter auf mich wirken zu lassen, nach 3/4 des Buches wollte ich es schon enttäuscht weglegen, aber dann kommt zum Schluss das Kapitel „Lehren aus dem gescheiterten Experiment“. Hier ändert der Autor die Blickrichtung und lässt die Schuldfragen in der Vergangenheit zurück und liefert eine gut formulierte Analyse und Ansätze für eine Lösung der beobachteten Probleme – so wie mir das gefällt. Er stellt neun Thesen auf, die beschreiben, wie man die Fehler in Zukunft vermeiden kann. Genau mein Ansatz: Man darf Fehler machen, aber nicht mehrfach den gleichen.

Wenn die Beschreibung der Umgangsformen der Parteimitglieder untereinander nicht stark übertrieben sind, dann würde ich eben diese Umgangsformen in den Lösungsansätzen noch stärker hervorheben, in der Prioritätenliste weiter nach oben setzen und fest im Programm einer Organisation verankern. Es muss ein Weg beschrieben werden, wie persönliche Angriffe und Beleidigungen schon im Kern erstickt werden, wie die Regeln für den Umgang miteinander sind, und wie und durch wen die Regelverstöße geahndet werden. Es gab mal eine Zeit, da hat die Community das unter dem Stichwort „Netiquette“ selbst geregelt, aber die scheint vorbei zu sein. Ähnliche Probleme habe ich auch in anderen Organisationen erlebt, z.B. am Arbeitsplatz, in der christlichen Gemeinde oder bei gemeinsamer Freizeitgestaltung. Geordnete Umgangsformen sind meiner Meinung nach die Voraussetzung, um gemeinschaftlich Ziele jedweder Art zu erreichen.

„Parteien gibt es nur im Gesamtpaket mit allen ihren Positionen; in einzelnen Punkten andere politische Entscheidungen zu unterstützen ist für einen Wähler nicht möglich. […] Es bleibt die Wahl des geringsten Übels.“ (S. 67/68)

Was bleibt? Einige Themen, die von den Piraten in den Ring geworfen wurden, müssen dringend wieder besetzt werden, einige Themen müssen endlich zuende gedacht werden, ich schließe mich der Einschätzung von Daniel Schwerd an, dass dies vermutlich nicht aus dem verbliebenen Rumpf der Piratenpartei kommt, die politische Landschaft bietet Platz für einen weiteren Mitspieler, wenn er bereit ist, die Rolle konstruktiv auszufüllen.

Fazit: Kaufen, lesen, nachdenken, das Gute behalten und umsetzen.

P.S.: Nein, ich gehe nicht in die Politik!


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