Buch: Der Fürst

Buchcover: Der Fürst - Niccolo Machiavelli

Vor 500 Jahren sah es in Politik und Staatsführung in Italien so chaotisch aus, dass Niccolo Machiavelli sich verpflichtet sah, in seiner Schrift „Der Fürst“ (ital.: Il Principe) Eigenschaften eines Fürsten und deren Auswirkungen zu erläutern. Sein Ziel war es, einen Ausweg aus der verfahrenen Situation für das in Stadtstaaten zerfallene Italien des frühen 16. Jahrhunderts aufzuzeigen. Nach seiner eigenen Aussage beschreibt das Buch nur die Eigenschaften von Alleinherrschern, für andere Staatsformen (Republiken) verweist er auf sein anderes Werk „Discorsi“.

Zuerst unterscheidet er die Führer eines Volkes nach der Art, wie sie an die Macht gekommen sind, erblich oder als neue Herrscher. Bei neuen Fürsten unterscheidet er noch nach den Wegen des Machterwerbs, z.B. mit Fleiß, aus Glück, durch fremde Hilfe, durch Verbrechen, durch Ernennung aus dem Volk oder durch die religiösen Führer. Dabei beschreibt er verscheidene Eigenschaften, die beim jeweiligen Machterwerb hilfreich sind, um die Macht nicht gleich wieder zu verlieren.

Viel spannender für mich war aber die Beschreibung der Mittel und Wege, wie man seine Führung behält und festigt sowie gegen innere und äußere Feinde verteidigt.

So beschreibt er zum Beispiel, dass man sich bei der Wahl der Streitkräfte am besten auf Truppen aus dem eigenen Volk verlässt, denn Söldner sind teuer im Frieden und unzuverlässig im Kampf. Noch tragischer sind in seinen Augen Hilfstruppen von anderen Fürstentümern, denn wenn sie verlieren, hat man verloren, wenn sie jedoch gewinnen, steht man in der Schuld des Nachbarn, hat also auch wieder irgendwie verloren.

Das Verhalten eines erfolgreichen Führers beschreibt ordnet er an einigen Gegensätzen ein: Ein Fürst soll lieber als knauserig gelten statt als freigiebig, denn wenn er damit Investitionen tätigt ohne die Steuern zu erhöhen, dann liebt ihn das Volk. Ebenso soll er nicht zu milde herrschen, denn übertriebene Nachsicht führt zu Unordnung, harte Strafen für einzelne, wenn sie gerechtfertigt sind, erhöhen sein Ansehen.

Dass ein Fürst sich besser halten kann, wenn er Versprechungen macht, die er dann nicht einhält, sieht man auch in der heutigen Politik häufig. Machiavelli hält das für hilfreich, solange man dabei als mitleidig, treu, menschlich, redlich und fromm gilt.

Ein guter Herrscher achtet darauf, dass er vom eigenen Volk nicht gehasst wird, dann braucht er auch keine Vorkehrungen zum Schutz vor dem eigenen Volk treffen. Er kann sich auf die Verteidigung gegen äußere Feinde konzentrieren. Er stellt Minister ein, die ihn in Spezialthemen vertreten. Diese sollen ihm und dem Volk, nicht sich selbst dienen.

Ein guter Regent meidet Schmeichler ebenso wie ungefragte Berater. Er stellt sich einen Beraterstab zusammen, der allein ihm offen und ehrlich die Wahrheit sagen darf, wenn er gefragt wurde – und er sollte die Berater in allen Dingen fragen. Er braucht mehrere Berater mit unterscheidlichen Meinungen. Nach Anhörung der Berater entscheidet er allein. Dabei ist ihm immer bewusst, dass die Berater gewollt oder ungewollt egoistisch argumentieren.

Um zu Ruhm zu kommen, soll der Fürst einerseits große Unternehmungen durchführen (Außenwirkung), andererseits in geringer Anzahl sichtbar agieren, indem er besondere Treue belohnt oder besodere Untaten bestraft (Innenwirkung). Es ist besser für ihn, wenn er klar Partei ergreift, als wenn er versucht, es jedem Recht zu machen. Er soll außergewöhnliche Leistungen fördern. Zuletzt soll er regelmäßig Feste ausrichten und sich dabei unters Volk mischen.

Fehler führen schnell zum Verlust der Herrschaft. Typische Fehler sind die mangelnde Vorsorge für unruhige Zeiten, die Abhängigkeit von der Hilfe anderer, sich das Volk zum Feind zu machen oder die Feigheit, wenn man flieht statt zu verteidigen. Es ist zwar richtig, dass Machterwerb und Machterhalt zu einem guten Teil von Glück bzw. Schicksal abhängig sind, jedoch darf das nicht zur Untätigkeit verleiten, denn Unglück lässt sich leichter steuern und ertragen, wenn man vorbereitet ist.

All diese Beobachtungen, die Machiavelli immer mit Beispielen aus der Geschichte belegt hat, veranlassen ihn zum Schluss des Buches zu der Empfehlung, dass Italien gerettet werden könne, wenn es sich unter der Führung eines Fürsten wieder zu einem Staat zusammenschließt. Die Geschichte zeigt, dass sein Rat nicht befolgt wurde und dass dies zur Übernahme der Macht durch andere europäische Herrscherhäuser geführt hat.

Machiavelli hat mit diesem Buch einer ganzen Lehre des Staatsrechts einen Namen gegeben („Machiavellismus“), in der behauptet wird, das zur Erlangung und Erhaltung von Macht jedes Mittel recht ist. Es ist umstritten, ob er das wirklich so vertreten hat. Ich lese aus dem Text eher heraus, dass in dem Fall, in dem ein einzelner Herrscher überhaupt nötig ist, dieser darauf achten muss, dass seine Macht nicht gleich wieder verloren geht. Dabei kann er sich dann nicht nur Freunde machen. Es scheint mir auch nicht so, dass er allgemein die Alleinherrschaft eines Führers als bevorzugte Staatsform ansieht, sondern dass er hier nur beschreibt, wie ein Fürst beschaffen sein und sich verhalten soll, wenn es denn zu dieser Staatsform kommt.

Moderne Management-Ratgeber greifen gerne auf die Empfehlungen Machiavellis zurück und übertragen diese nahtlos auf Formen des Managements und der Teamleitung. Dies kann zwar im Einzelfall notwendig sein oder das Verständnis für Begleiterscheinungen erhöhen, ist aber nur bedingt zielführend. Dabei wird ebenfalls oft übersehen, dass die Alleinführung nicht zwingend die empfohlene Form der Organisation ist, sondern dass Machiavelli dies ganz gezielt auf die konkrete Situation in Italien vor 500 Jahren gemünzt hat. Gerade in Zeiten, in denen Projekte immer häufiger „agil“ durchgeführt werden, tritt die Notwendigkeit eines festen Leiters meiner Meinung nach weiter in den Hintergrund und wird auch im Management zunehmend durch demokratische Formen abgelöst.

Fazit: Somit ist dieses Buch hilfreich zu lesen, es unterstützt auch das Verständnis für Leitungsfragen und den dabei entstehenden Randbedingungen. Es ist für mich aber ganz klar keine allgemeine Empfehlung, die Alleinherrschaft über andere Formen der Leiterschaft zu stellen.


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